schubUmkehr: Anderes Wirtschaften – können wir das überhaupt?

In seiner ersten Predigt in einem königlichen Park verkündete Buddha seine “Vier edlen Wahrheiten“ zur Überwindung des Leidens – so etwas wie der Kern seiner Lehre. Die erste lautet: “Das Leben im Daseinskreislauf ist voller Leid und Unzufriedenheit“. In der zweiten Wahrheit heißt es: “Ursachen dieses Leids und dieser Unzufriedenheit sind Gier, Hass und Verblendung.“


Buddha war ein Mensch wie du und ich, und dennoch gehört der Buddhismus zu den fünf Weltreligionen, trotzdem es dort die Verehrung eines oder mehrerer Götter nicht gibt. 

Man mag von Religionen halten, was man will, aber der Mensch "Buddha" würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie aktuell seine Vier Wahrheiten heute sind.

 

Über Corona gibt es mittlerweile unzählige Mutmaßungen, medizinisch-wissenschaftliche-, philosophische-, gesellschaftskritische-, soziologische- oder systemkritische Betrachtungen, es gibt ein Sammelbecken von Menschen aller Couleur, die auf der Straße gegen Corona-Maßnahmen protestieren. Man mag es gar nicht mehr lesen, sehen oder hören.

 

Es ist ähnlich wie mit dem Klimawandel – wir drehen uns im Kreis herum, keine noch so weise Analyse bringt uns Menschen im echten Sinne zu einer Umkehr und dazu, dass wir das Wohl der Menschen weltweit, die Achtung vor Natur und Umwelt über alle Entscheidungen stellen, die jetzt gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch getroffen werden müssen. Die Rede ist oft von “einer Chance der Krise“. Doch warum nutzen wir sie nicht im echten Maße? Wie kann eine solche Umkehr funktionieren?

 

Wer im durch Corona boomenden Online-Handel tätig ist, erkennt die Konturen unser von Gier, Verblendung und Egoismus geprägten Gesichter noch eher: Wenn schon “stay home“, dann wenigstens auch für mich sorgen aber so richtig! Die bestellte Ware kommt nicht gleich am übernächsten Tag an? Reklamation! – ICH ZUERST, koste es was es wolle! Als wäre da draußen alles beim Alten und Onlinehändler wie Zulieferer könnten kein Corona bekommen. Die Gier zu besitzen, nach noch mehr und noch schneller und möglichst gleich eine Komplettberatung gratis dazu, ist kaum zu stillen und zu bremsen. Das Bild des noch so kleinen, aber eigenen Gartens, der zum Paradies auf Erden werden soll, ist bei der Telefonberatung buchstäblich zu spüren. 

 

Natürlich gibt es auch viele sehr verständliche und rücksichtsvolle Kund*innen. Aber wie wollen wir einen klugen Neustart, eine achtsame Umkehr schaffen, wenn Toilettenpapier zum Symbol unserer Ängste und Zwänge wird?

 

Wie wollen wir ein humaneres Wirtschaften gestalten, wenn wir - “wenn es um die Wurst geht“ - zuallererst an uns selbst denken und nur an uns? Wenn wir auf die Straße gehen und unsere durch Corona-Maßnahmen eingeschränkte Freiheit zurück verlangen, während viele andere Menschen in ihren Ländern noch nicht einmal einen Hauch solch einer Freiheit kennen? Und wir unsere Bäuche weiter mit importiertem Billigfleisch (am besten nach der FFF-Demo auf dem Grill im Schrebergarten) vollstopfen, das aus eben diesen anderen Ländern stammt. Wenn wir haufenweise Klamotten – gefertigt unter unfairen Arbeits- und Lebensbedingungen in eben diesen Ländern – bei Versendern bestellen, die ebenfalls systematisch ausbeuten und unsere Umwelt zerstören? Aus dieser Perspektive erscheinen wir als jämmerliche Kreaturen, die sich nur um sich selber drehen. Überhaupt nicht reifer werden – weder für kleinere noch für größere Umkehrprozesse.

 

Was braucht es, um dies “Sich-im-Kreise-Drehen“ zu durchbrechen? Vielleicht müssen wir erst einmal unseren uralten Glauben an ein "ewiges Wachstum" verwerfen. Nur Krebs wuchert bis ins Unermessliche, Zerstörerische! Ein “Kein-Wachstum“ oder "Degrowth" können wir uns gar nicht vorstellen, das bringt uns erstaunlicherweise eher in Panik. Doch ist es das, was eigentlich zutiefst natürlich ist.

 

Der Schweizer Künstler Julian Charrière sagt es so (sinngemäß): "... Über viele Jahrhunderte hinweg haben wir gelernt, dass wir (Menschen) kein Teil der Natur sind. Wir wurden zu Betrachtern der Natur. Betrachten bedeutet aber trennen ..." Doch eigentlich müssen wir in Symbiose sein, wie es auch der amerikanische Philosoph Timothy Morton in seinem neuen Buch "Ökologisch sein" geschrieben hat: "... Wir atmen, wir essen Tiere und Pflanzen, wir sind unauflöslich mit der Natur verbunden. Wir sind also in einer Symbiose. Die Idee der Symbiose muss der Motor der Veränderung sein. Es gibt keine Alternative. Symbiose ist ein anderes Wort für Empathie. Wir brauchen mehr Mitgefühl für unsere Natur. Sie ist auch unsere Kultur. Also brauchen wir auch mehr gegenseitige Empathie“.

 

Und wie ändert man diese alten Bilder? Nun – da sind wir wieder bei uns selbst angelangt. Kein Politiker, keine Politikerin, nicht die schlauen Medien, nicht Virolog*innen, nicht Philosoph*innen, auch keine Wissenschaftler*innen, nicht Bill Gates und schon gar nicht Verschwörungstheorien ändern hier etwas. Sie sind lediglich Meinungen und Ansichten – eben Betrachtungen!

 

Nur wenn wir einen Bezug zu uns selbst haben, uns auf unseren gesunden Menschenverstand besinnen, unseren Bauch hören und im Austausch sind, erkennen wir, wie es unseren Mitmenschen und unserer Umwelt geht und ob, das, was entschieden und deklariert wird, klug und weise im Sinne des Lebens auf unserem Planeten ist. Und dann können wir einfach handeln, ausprobieren im Alltag, Gewohnheiten und Taten hinterfragen, müssen nicht darauf warten, dass die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden.Wir können direkt auf unsere Mitmenschen einwirken. Wir können direkt Einfluss nehmen, indem wir auf sie zugehen, sie konfrontieren, sie auf ihre Verantwortung und die Konsequenzen ihres Handelns hinweisen – an der Basis sozusagen. Dafür braucht es lediglich einen klaren Entschluss. Dann folgt ein achtsames Hinterfragen und täglich kleine Versuche zu verändern.


konkrete denkanstösse

  • Worauf kann ich gerne verzichten zu Gunsten des Gemeinwohls und der Umwelt?
  • Wenn nötig: Was kaufe ich, wo und wieviel? Welche (negative wie positive) Kettenreaktion löse ich mit meinem Kauf aus?
  • Brauche ich immer ein neues Smartphone/ Tablet/ Computer oder kann ich Geräte auch gebraucht kaufen?
  • Brauche ich tatsächlich neue Kleider oder können auch diese nicht auch gebraucht sein? 
  • Wie langlebig sind die Sachen, die ich kaufe und können sie recycelt oder kompostiert werden?
  • Das Thema Plastik ist inzwischen ein Mainstream-Thema, aber hat sich mein Plastikmüll tatsächlich reduziert?
  • Kann ich meinen geplanten Eigenheim-Neubau vor unseren Mitmenschen und vor der Natur überhaupt verantworten? (Architects for future z.B. bezeichnen einen Eigenheimbau sinngemäß als eine der größten Umweltsünden überhaupt.) Also ist Sanieren besser als neu bauen ...
  • Wenn ich ein Auto benötige - wann kann ich darauf verzichten? Und muss es immer ein "entweder-oder" sein, oder kann ich trotz Auto auch mal den ÖPNV benutzen? Kann ich mein Auto teilen? 
  • Kaufe ich einen Neuwagen oder einen Gebrauchten? Ist es ein Verbrenner oder hat es eine umweltfreundliche Antriebstechnologie? Reicht auch ein kleineres Fahrzeug?
  • Energie für die eigenen vier Wände ist nicht gratis verfügbar und ein Energiesystem “rechnet sich nie“. Warum Energie also nicht einfach selbst zu erzeugen – mit Solar- und Windkraft? Oder auf den Vermieter einwirken, dass er darin investiert?
  • Brauche ich für meinen Haushalt 10 verschiedene Putzmittel, auch wenn überall fast das gleiche drin ist? Kann ich ein umweltfreundliches und natürliches Putzmittel nicht auch kostengünstig selber herstellen?
  • Stimmt es, dass ein gesünderer und nachhaltiger Lebensstil teurer ist tatsächlich? Habe ich das schon mal ausprobiert?
  • Das A & O des nachhaltigen Handels und Einkaufens ist die Regionalität. Natürlich ist regionales Einkaufen oft teurer als online. Kann ich im Auge behalten, wenn sich etwas ändert, z.B. dadurch, dass sich mehr genossenschaftliche bzw. mehr teilhabende Konzepte regional durchgesetzen? Oder gibt es vielleicht jetzt schon Food-Koops etc. an denen ich mich beteiligen kann? 
  • Umdenken und die eigene Einstellung ändern: Geduld haben, denn es ist regional nicht immer alles sofort verfügbar. Und vorausschauend planen bzw. frühzeitig bestellen.
  • Grundsätzliche Einstellung: egal ob Lebensmittel, Kleidung, Bau- und Renovierungsmaterialien, Elektronik, Hobby: Durch Reduzierung auf die notwendigsten, aber nachhaltigsten und durchdachtesten Produkte kann ich Einfluss nehmen.
  • Brauche ich wirklich einen kompletten Fuhrpark an Elektrogeräten, wie Kettensäge, Bohrhammer, Heckenschneidemaschine, Kreissäge, Rasenkantentrimmer, Laubbläser aber auch all die Küchengeräte? Oder kann ich all das nicht von/ an Nachbarn (ver)leihen? Das hätte den angenehmen Nebeneffekt, dass ich meine Nachbarn kennenlerne ... ;)
  • Brauche ich überhaupt einen eigenen Garten oder kann ich ihn nicht teilen? Als Gemeinschaftsgarten zum Beispiel.
  • Braucht es in jedem Eigenheim eine komplett ausgestattete Werkstatt? Kann man nicht eine Gemeinschaftswerkstatt ins Leben rufen? Gemeinsam bastelt es sich leichter.
  • Und zu guter letzt: Auch wenn ich meinen Beruf nicht gleich aufgeben kann, weil er für die Umwelt und unser Gemeinwohl vielleicht weniger sinnvoll ist: Was kann ich dennoch ändern? Wo kann ich mich dafür einsetzen, dass mein Job bzw. mein Unternehmen zumindest etwas nachhaltiger wird?

Diese Liste ist unendlich erweiterbar ... probiere es aus!